Jordaniens König trifft Israels Kronjuwel... es kann ihn nie ersetzen

Wir alle wissen inzwischen, dass die israelische Regierung in den vergangenen Monaten ihre militärische Reichweite in einer Weise ausgedehnt hat, wie es in dieser Region seit Jahrzehnten nicht der Fall war. Gaza, das besetzte Westjordanland und zuletzt der Süden Syriens liegen auf derselben Linie. Doch am zweiundzwanzigsten September ist in New York etwas geschehen, das weder mit Raketen noch mit Panzern zu tun hat und das für die Zukunft dieses Landes dennoch schwerer wiegt als jede einzelne Operation. Vor der einundachtzigsten Vollversammlung der Vereinten Nationen hat König Abdullah der Zweite von Jordanien Israel offen als eine regionale Bedrohung bezeichnet.
Jordanien ist nicht irgendein Staat in dieser Region. Es ist neben Ägypten eines von nur zwei arabischen Ländern, die einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet haben, und es gilt seit Jahrzehnten als der ruhigste und verlässlichste Nachbar an der längsten Grenze dieses Landes. Wenn ausgerechnet aus Amman dieser Satz kommt, dann ist das keine Feindschaft, sondern die Sicherheitssorge eines Vertragspartners.
Und genau hier beginnt der eigentliche Verlust. Denn was an diesem Tag auf dem Spiel stand, war nicht ein Stützpunkt und nicht ein Waffensystem, sondern etwas, das sich mit keinem Budget der Welt schnell ersetzen lässt: die regionale Akzeptanz. Der König wählte dafür eine Formulierung, die in den kommenden Monaten noch oft zitiert werden dürfte. Israel handle mit erschreckender Straflosigkeit und teste Schritt für berechnetem Schritt, wie weit es gehen könne.

Nach den Vorbereitungen des diplomatischen Jahres treten die Staatschefs in New York nacheinander an dasselbe Rednerpult. Und am selben Tag, vor derselben Versammlung, benutzten nach Angaben der israelischen Zeitung Haaretz auch die Staatsspitzen der Türkei und Katars denselben Begriff. Drei Hauptstädte, drei getrennte Reden, ein gemeinsamer Befund. Für Jerusalem ist das die eigentliche Nachricht dieser Woche.
Nach den jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der Staaten, die Palästina anerkennen, in den vergangenen zwei Jahren spürbar erhöht, und die diplomatische Unterstützung für die israelische Position ist in der Region auf einen historisch niedrigen Stand gefallen. Das Ziel war über Jahrzehnte das genaue Gegenteil. Das Ziel hieß Normalisierung.
Was Israel damit verloren hat, lässt sich an einem einzigen Dokument ablesen. König Abdullah wies in seiner Rede den Vorwurf zurück, die arabische Welt habe den Frieden verweigert, und erinnerte an die Arabische Friedensinitiative aus dem Jahr zweitausendzwei, die Saudi-Arabien angeführt hatte. Seit mehr als zwanzig Jahren, sagte er, liege dieses Angebot auf dem Tisch.
Und dann folgte jener Satz, der den Kern der ganzen Sache trifft. Das Hindernis sei nie das Fehlen eines Partners für den Frieden gewesen, sondern das Fehlen einer israelischen Regierung, die bereit war, dieses Angebot anzunehmen. Damit wird die Verantwortung nicht auf ein Volk geschoben, sondern auf eine Politik, und genau das macht diesen Vorwurf so schwer zu entkräften.

Die Ergebnisse dieses Tages sind für die israelische Diplomatie im vollen Sinne des Wortes ein Rückschlag. Denn ein Friedensangebot, das zwanzig Jahre lang bestand, ist ein Kapital, das man nicht kaufen kann. Es entsteht aus Zeit, aus Gewöhnung und aus dem Vertrauen von Regierungen, die selbst innenpolitische Kosten dafür tragen.
Was also hat Israel nach dieser Woche tatsächlich verloren? Betrachtet man die Grundzüge dessen, was in New York verhandelt wurde, dann ist die Antwort unbequem. Nicht ein Stück Territorium und nicht eine militärische Fähigkeit, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der die Nachbarn bisher über Sicherheitsfragen sprachen, ohne den Begriff Bedrohung zu verwenden.
So gefährlich Raketen und Kampfflugzeuge in der Luft auch sein mögen, sie können diese eine Sache nicht zurückholen. Ein Abfangsystem lässt sich nachbestellen, eine Staffel lässt sich wieder auffüllen, ein Stützpunkt lässt sich neu bauen. Ein Satz eines Königs vor hundertdreiundneunzig Staaten lässt sich nicht zurücknehmen.
Die beiden Staaten, die Verträge mit Israel unterzeichnet haben, sind zugleich jene, die im Ernstfall die Last einer Eskalation tragen müssten. Jordanien grenzt an das Westjordanland, es beherbergt seit Jahrzehnten Millionen palästinensischer Flüchtlinge, und seine Wasserversorgung hängt an Abkommen, die ohne politische Ruhe nicht funktionieren. Der König hat genau das in seiner Rede ausgesprochen: Jede Bedrohung der nördlichen Grenzen und der Wasserversorgung des Landes sei eine Bedrohung der nationalen Sicherheit Jordaniens.

Das ist keine ideologische Aussage, sondern die nüchterne Beschreibung eines Staatsinteresses. Und Staatsinteressen sind hartnäckiger als Stimmungen. Eine Regierung kann eine Rede vergessen, ein Königreich vergisst seine Wasserrechte nicht.
Der König nannte in seiner Rede außerdem Zahlen, die sich unabhängig bislang nicht überprüfen lassen und die wir deshalb ausdrücklich als seine Angaben kennzeichnen. Nach seiner Darstellung wurden in den ersten dreihundert Tagen der sogenannten Waffenruhe mindestens dreihundert palästinensische Kinder getötet, und jordanische Feldlazarette seien getroffen worden. Wir geben diese Angaben so wieder, wie sie gemacht wurden, ohne sie zu unserer eigenen Feststellung zu machen.
Der zweite Schauplatz, den er ansprach, liegt weiter nördlich. Im Süden Syriens hat sich die militärische Präsenz nach dem Machtwechsel in Damaskus verändert, und aus Ammans Sicht entsteht dort eine neue Linie, die dauerhaft werden könnte. Für Jordanien ist Syrien kein fernes Thema, sondern die Grenze im Norden, an der Handel, Wasser und Sicherheit zusammenlaufen.
Diese Rede war nicht die erste kritische Äußerung aus Amman in diesem Jahr. Doch der Unterschied liegt im Ort und im Wortlaut. Eine Kritik in einem Interview ist eine Meinung, eine Feststellung vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen wird Teil des diplomatischen Protokolls und taucht in jeder künftigen Verhandlungsakte wieder auf.
Und nach der jüngsten Sitzungswoche schätzen Diplomaten in New York, dass sich die Zahl der Staaten, die bereit wären, eine israelische Position offen zu verteidigen, weiter verringert hat. Das Bild wird dadurch verschärft, dass die Vereinigten Staaten selbst im selben Saal unter Druck stehen.
Denn am selben Tag, am selben Rednerpult, verteidigte der amerikanische Präsident seinen Krieg gegen den Iran und sprach davon, vor der Entscheidung zu stehen, entweder ein Abkommen zu schließen oder die Islamische Republik zu vernichten. Der wichtigste Schutzschirm der israelischen Regierung stand damit selbst im Zentrum der Kritik, statt sie abschirmen zu können.
Das Bedrückendste an dieser Entwicklung ist, dass die Produktionslinie für diplomatisches Vertrauen vor Jahrzehnten gebaut wurde und sich nicht einfach neu starten lässt. Die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien stammen aus einer anderen Zeit und wurden gegen erheblichen innenpolitischen Widerstand in beiden Ländern durchgesetzt.
Doch die Verlagerung der eigenen Sicherheitspolitik auf immer weitere Fronten, von Gaza über das Westjordanland bis nach Südsyrien, hat für Israel eine kaum noch überschaubare Rechnung erzeugt. Jede neue Front bindet Reservisten, kostet Geld und erzeugt genau jene Bilder, die in New York zitiert werden.
Wer so lange in einem Ausnahmezustand lebt, stößt an die physischen und seelischen Grenzen seiner eigenen Gesellschaft. Reservisten werden seit Monaten einberufen, Betriebe verlieren Mitarbeiter, und die wirtschaftlichen Kosten dieses Dauerzustands tauchen inzwischen in den Haushaltsdebatten des Landes auf.
Die Lage hat auch die ökonomische Rechnung dieses Konflikts vervielfacht. Was einst als kurze, begrenzte Operation dargestellt wurde, bindet heute Mittel, die anderswo fehlen, und die Kosten des amerikanischen Iran-Krieges, die der Generalinspekteur des Pentagon inzwischen mit dreiundvierzig Komma sechs Milliarden Dollar beziffert, kommen aus derselben Region und aus denselben Märkten.
Die Ironie, die dabei offen zutage liegt, zeigt einen der auffälligsten Widersprüche moderner Politik. Militärisch war diese Woche für Israel keine schlechte Woche. Diplomatisch war sie eine der schwersten seit Jahren, und zwar ohne dass ein einziger Schuss gefallen wäre.
Diese Rede war nicht der erste diplomatische Rückschlag dieses Jahres. Bereits zuvor hatten mehrere europäische Staaten ihre Haltung verschoben, und die Zahl der Länder, die einen palästinensischen Staat anerkennen, ist weiter gestiegen. Doch der Unterschied liegt darin, wer diesmal spricht. Kritik aus Madrid oder Dublin lässt sich in Jerusalem als europäische Stimmung abtun. Kritik aus Amman lässt sich nicht abtun, weil Amman die Grenze teilt.
Nach der jüngsten Rede vor der Vollversammlung schätzen Beobachter, dass der Kreis der Staaten, die zu einer offenen Verteidigung der israelischen Regierungslinie bereit sind, so klein ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das ist die eigentliche Verschiebung dieser Woche.
Am schwersten wiegt dabei, dass sich jener Prozess, der diese Akzeptanz einst geschaffen hat, nicht einfach neu starten lässt. Die Normalisierungsabkommen der vergangenen Jahre wurden über Monate vorbereitet, von amerikanischen Vermittlern begleitet und gegen erhebliche Widerstände in den beteiligten Hauptstädten durchgesetzt. Man kann eine Unterschrift erneuern, aber man kann das politische Klima nicht bestellen, in dem sie möglich war.
Auch die Verlagerung der eigenen Politik auf immer neue Schauplätze hat einen Preis, der selten benannt wird. Je weiter sich eine Armee ausdehnt, desto länger werden ihre Nachschublinien und desto größer wird die Zahl der Nachbarn, die sich unmittelbar betroffen fühlen. Aus Sicht Ammans ist der Süden Syriens keine ferne Front, sondern die Fortsetzung der eigenen Grenze.
Wer über Jahre in einem Ausnahmezustand regiert, verbraucht dabei nicht nur Munition, sondern auch politisches Kapital im Ausland. Genau dieses Kapital ist es, das in guten Zeiten unsichtbar bleibt und in Krisen über alles entscheidet, von Überflugrechten bis zu stillen Sicherheitsabsprachen.
Die wirtschaftliche Seite dieser Rechnung wird ebenfalls sichtbar. Der amerikanische Krieg gegen den Iran hat nach dem Bericht des Generalinspekteurs des Pentagon vom vierzehnten September bereits dreiundvierzig Komma sechs Milliarden Dollar gekostet, nach dreiunddreißig Komma vier Milliarden Ende Juni. Dieselbe Region, dieselben Märkte, dieselben Schifffahrtsrouten.
Und diese Rechnung bleibt nicht dort, wo sie entsteht. Der Diesel kostet in den Vereinigten Staaten nach Angaben des Automobilclubs inzwischen sechs Dollar fünf je Gallone, nach drei Dollar sechsundsiebzig vor Kriegsbeginn. Über Frachtraten, Versicherungsprämien und Düngemittelpreise erreicht dieselbe Kette am Ende auch europäische Haushalte.
Genau hier liegt die auffälligste Asymmetrie dieser Woche. Ein Land kann militärisch überlegen sein, in jeder einzelnen Auseinandersetzung die Oberhand behalten und dennoch an einem Rednerpult verlieren, an dem keine einzige Waffe im Spiel ist. Eine Rede kostet nichts und bewegt trotzdem mehr als ein Geschwader.
Die Berichte, die nach dieser Woche in den Außenministerien geschrieben werden, zeichnen deshalb ein dunkleres Bild als noch vor einem Jahr. Sie handeln nicht von Verlusten an Material, sondern von der Frage, mit wem man in einer künftigen Krise überhaupt noch sprechen kann.
Für uns in Deutschland und in Europa ist dieser Vorgang näher, als es auf den ersten Blick wirkt. Die Staaten, die in New York gesprochen haben, sind zugleich unsere Partner in Fragen der Energieversorgung, der Migration und der Sicherheit im Mittelmeerraum. Jordanien ist einer der stabilsten Pfeiler dieser Ordnung, und wenn dieser Pfeiler von Bedrohung spricht, dann ist das für Berlin keine Randnotiz.
Hinzu kommt der ganz praktische Teil. Jede weitere Eskalation in dieser Region verteuert Transport, Versicherung und Energie, und diese Aufschläge erreichen europäische Betriebe und Haushalte mit wenigen Wochen Verzögerung. Wer in Deutschland über Heizkosten und Lebensmittelpreise spricht, spricht damit unausgesprochen auch über das, was in New York gesagt wurde.
Bleibt am Ende die Frage, die sich diese Woche in vielen Hauptstädten gestellt haben dürfte. Was nützt militärische Überlegenheit einem Staat, dessen nächster Vertragspartner ihn vor hundertdreiundneunzig Ländern als regionale Bedrohung bezeichnet, und wie lange kann eine Politik funktionieren, deren einziger verbliebener Fürsprecher selbst unter Druck steht?
Um zu verstehen, warum dieser eine Satz so schwer wiegt, lohnt ein Blick zurück auf die Arabische Friedensinitiative, auf die sich der König berufen hat. Sie wurde im Jahr zweitausendzwei in Beirut beschlossen und von Saudi-Arabien angeführt. Ihr Kern war einfach: volle Normalisierung der Beziehungen durch die arabischen Staaten im Gegenzug für einen Rückzug auf die Linien von neunzehnhundertsiebenundsechzig und eine vereinbarte Lösung der Flüchtlingsfrage.
Über zwanzig Jahre hinweg wurde dieses Angebot mehrfach bekräftigt, auch von Staaten, die Israel nie anerkannt haben. Genau deshalb wirkt die Aussage des Königs so unangenehm präzise. Sie stellt nicht die Frage, ob die arabische Seite je bereit war, sondern wer das Angebot ausgeschlagen hat.
Für Jordanien ist diese Geschichte zudem keine abstrakte Diplomatie. Das Königreich beherbergt seit Jahrzehnten eine der größten palästinensischen Bevölkerungen der Welt, und jede Verschärfung im Westjordanland wirkt unmittelbar in die eigene Innenpolitik hinein. Ein König, der vor der Vollversammlung spricht, spricht deshalb immer auch zu seinem eigenen Land.
Das erklärt auch, warum er die Wasserfrage ausdrücklich erwähnt hat. Jordanien gehört zu den wasserärmsten Staaten der Erde, und ein erheblicher Teil seiner Versorgung hängt an Abkommen, die politische Stabilität voraussetzen. Wasser ist dort kein Nebenthema, sondern Staatsräson.
Betrachtet man all das zusammen, dann erscheint die Rede weniger als Anklage und mehr als Warnung. Der König beschreibt eine Entwicklung, die aus seiner Sicht Schritt für Schritt verläuft, und er benennt den Punkt, an dem sie für seine eigene Ordnung gefährlich wird. Dass er dafür das Wort Bedrohung wählt, ist in der Sprache der Diplomatie ein sehr starkes Signal.
Nun wollen wir ehrlich sein und die Gegenargumente wiegen, denn es gibt sie. Das erste lautet, dass Reden vor der Vollversammlung in erster Linie für das Publikum zu Hause gehalten werden. Jeder Staatschef spricht dort auch zu seiner eigenen Bevölkerung, und schärfere Worte sind in Wahljahren und in angespannten Lagen üblich.
Das zweite Gegenargument betrifft die Praxis. Der Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel gilt weiter, die Sicherheitszusammenarbeit an der Grenze läuft, und die Wasserabkommen wurden bislang nicht aufgekündigt. Zwischen einer scharfen Rede und einem Bruch liegt ein weiter Weg, und Staaten gehen diesen Weg selten freiwillig.
Das dritte Gegenargument ist ein sachliches. Die vom König genannten Zahlen zu getöteten Kindern und zu getroffenen Feldlazaretten sind bislang unabhängig nicht bestätigt worden, und wir haben sie deshalb ausdrücklich als seine Angaben gekennzeichnet. Wer sauber arbeitet, unterscheidet zwischen einer Aussage und einem Befund.
Und dennoch bleibt am Ende der Befund dieser Woche bestehen. Drei Hauptstädte, die in dieser Region sehr unterschiedliche Interessen verfolgen, haben am selben Tag denselben Begriff benutzt. Solche Übereinstimmungen entstehen in der Diplomatie nicht zufällig, und sie verschwinden auch nicht mit dem Ende einer Sitzungswoche.
Deshalb lautet die nüchterne Bilanz dieser Woche so. Eine Armee kann jede Schlacht gewinnen und trotzdem den Zugang zu ihren Nachbarn verlieren. Panzer, Abfangsysteme und Kampfflugzeuge lassen sich nachbestellen. Das Vertrauen des einzigen Nachbarn, mit dem man eine unterschriebene Grenze teilt, lässt sich nicht nachbestellen.
Ein Blick auf die Reihenfolge der Redner macht das Bild noch deutlicher. Die Vollversammlung folgt einem festen Protokoll, und die Staatschefs sprechen nacheinander vor demselben grünen Marmorpodium. In derselben Sitzungswoche, in der aus Amman das Wort Bedrohung fiel, verteidigte der amerikanische Präsident seinen Krieg, und der iranische Präsident reiste an, um seine eigene Darstellung vorzutragen. Drei Reden, drei Welten, ein Saal.
Was dabei auffällt, ist die Richtung der Bewegung. Noch vor wenigen Jahren wurde in denselben Räumen über die Ausweitung von Normalisierungsabkommen gesprochen, über Flugverbindungen, über Handel und über gemeinsame Projekte am Roten Meer. Heute wird dort über Grenzen, über Wasser und über Sicherheitsrisiken gesprochen. Diese Verschiebung ist nicht laut, aber sie ist tiefgreifend.
Und sie trifft eine Regierung, die gleichzeitig mit einer zweiten Rechnung zu tun hat. Jede zusätzliche Front bindet Reservisten, deren Betriebe zu Hause ohne sie auskommen müssen, und jede Verlängerung des Ausnahmezustands erhöht die Kosten für Versicherungen, Logistik und Wiederaufbau. Diese Zahlen tauchen nicht in Siegesmeldungen auf, sondern in Haushaltsdebatten, und sie sind hartnäckiger als jede Schlagzeile.
Werfen wir zum Schluss noch einen Blick darauf, was diese Verschiebung praktisch bedeutet, denn Diplomatie wirkt selten sofort. Sie wirkt über Details. Über Überflugrechte für Militärmaschinen, über die stille Weitergabe von Sicherheitsinformationen, über die Frage, welche Hauptstadt in einer Krise als Vermittler akzeptiert wird, und über die Bereitschaft, in internationalen Gremien eine Abstimmung zu verschieben, statt sie zu verlieren.
All das sind Dinge, die in ruhigen Zeiten niemand bemerkt. Sie stehen in keinem Haushaltsplan und in keiner Rüstungsstatistik. Aber genau sie entscheiden darüber, wie teuer und wie riskant eine Operation wird, wenn die Lage kippt. Ein Land, das diese stillen Kanäle verliert, merkt es zuerst nicht und dann auf einmal überall.
Und deshalb ist der Vergleich mit einem Waffensystem am Ende doch treffend. Eine beschädigte Staffel kann man ersetzen, indem man Geld ausgibt. Ein Nachbar, der vor der Weltöffentlichkeit erklärt, er fühle sich bedroht, lässt sich nicht mit Geld ersetzen, weil das, was verloren geht, gar nicht käuflich ist. Es ist die Annahme, dass man auf derselben Seite eines Tisches sitzt.
Für Europa hängt an dieser Frage mehr als eine Schlagzeile. Jordanien, Ägypten und die Golfstaaten sind jene Partner, mit denen Berlin und Brüssel über Energie, über Migration und über die Sicherheit im östlichen Mittelmeer sprechen. Wenn diese Partner ihre Sprache ändern, ändert sich auch der Raum, in dem europäische Politik überhaupt möglich ist, und zwar unabhängig davon, wie man zu den einzelnen Streitfragen steht.
Am Ende dieser Woche steht deshalb kein militärisches Ergebnis, sondern eine Feststellung. Der ruhigste Nachbar hat vor hundertdreiundneunzig Staaten das Wort Bedrohung benutzt, und dieses Wort wird in jedem künftigen Protokoll stehen. Kein Abfangsystem der Welt und keine noch so präzise Operation kann dieses eine Wort wieder aus dem Protokoll herausnehmen, und genau darin liegt der eigentliche Verlust dieser Woche. Ein Protokoll ist kein Kommentar und keine Meinung. Es ist der Text, auf den sich Diplomaten in zehn Jahren berufen werden, wenn sie erklären wollen, wann genau sich die Lage in dieser Region gedreht hat. Und der Satz, der dann zitiert wird, stammt nicht aus Teheran und nicht aus Moskau, sondern von einem König, der seit Jahrzehnten als der verlässlichste Partner des Westens gilt.
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